Im April 1987 imprägnierte die Firma „Baureparaturen Lichtenberg” den Dachstuhl eines Gründerzeithauses in der Pfarrstraße mit dem Holzschutzmittel DONALIT DLL. Damals gängige Praxis. Heute ein Problem, das den geplanten Dachstuhlausbau zu Wohnungen vor eine grundsätzliche Frage stellt: Abreißen oder erhalten?

Das Gebäude: Gründerzeit im Kaskelkiez

Das Objekt ist ein dreigeschossiger Putzbau der späten Neorenaissance im denkmalgeschützten Ensemble „Viktoriastadt / Kaskelkiez” — einem Stadtteil, der die bauliche Entwicklung der Berliner Vororte während der Industrialisierung dokumentiert. Stuckfassade, Pilastergliederung, die aufwändig gestaltete Belétage: Dieses Haus ist kein beliebiger Altbau, sondern Zeugnis einer Epoche.

In den 2000er-Jahren wurde die Fassade denkmalgerecht wiederhergestellt. Nun steht der nächste Schritt an: der Ausbau des Dachgeschosses zu Wohnungen.

Die Überraschung im Dachstuhl

Bei der Begehung im August 2025 fiel an einem Balken ein originales Hinweisschild auf: Imprägnierung mit DONALIT DLL — einem Mittel, das DDT, Lindan und PCP enthielt. Allesamt heute als toxisch und krebserzeugend eingestuft.

Eine bereits 2020 durchgeführte Laboranalyse bestätigte den Befund: 811 mg/kg DDT im Vorderhaus. Das ist laut Bremer Umweltinstitut eine hohe Belastung, die eine Wohnnutzung ohne Sanierung ausschließt.

Der damals beauftragte Gutachter empfahl den vollständigen Austausch der Hölzer.

Denkmalschutz sagt: Austausch nicht genehmigungsfähig

Hier beginnt das eigentliche Dilemma. Das Bauamt Lichtenberg stellte klar: Ein vollständiger Rückbau des historischen Dachstuhls wäre aus denkmalpflegerischer Sicht nicht genehmigungsfähig.

Der Grund geht über das bloße Alter hinaus. Die beauftragte Firma ging aus dem Bauunternehmen Paul Binder hervor — einem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutenden Lichtenberger Betrieb mit rund 70 Beschäftigten, der zahlreiche stadtbildprägende Bauten realisierte. Der Dachstuhl besitzt also nicht nur technischen, sondern auch lokalgeschichtlichen Wert.

Die Lösung: Kapselung statt Abriss

In meinem Gutachten habe ich eine Sanierungsstrategie erarbeitet, die beides verbindet — Substanzerhalt und gesundheitliche Unbedenklichkeit:

  • Belass der historischen Konstruktion unter Wahrung der originalen Zimmermannsstruktur
  • Luftdichte Kapselung raumseitig mit PE- oder Alu-Verbundfolien (≥ 0,2 mm), Stöße verschweißt
  • Staubarme Reinigung der Holzoberflächen mit HEPA-Absaugung nach TRGS 524
  • Innenbekleidung mit Gipsfaserplatten (F90 A) als Brand- und Schallschutz
  • Diffusionsoffene Dämmung außenseitig, damit das Holz nach außen austrocknen kann
  • Raumluftmessungen nach VDI 4300 vor und nach Fertigstellung

Die Kapselung erfolgt bewusst nur raumseitig: Die Schadstoffemission wird unterbunden, ohne das Holz bauphysikalisch abzusperren. Die Maßnahme ist zudem reversibel — ein zentraler Aspekt für die Denkmalpflege.

Energetische Sanierung im gleichen Zug

Weil die Dachlattung aus den 1980er-Jahren ohnehin ausgetauscht werden muss, bietet sich die Gelegenheit, Schadstoffsanierung und energetische Optimierung in einem Vorgehen zu verbinden: Aufdachdämmung bei der Neueindeckung plus innenliegende Zwischensparrendämmung.

Was Eigentümer aus diesem Projekt mitnehmen können

Dieses Projekt zeigt exemplarisch, warum vorschnelle Entscheidungen bei Altbauten teuer werden. Weder blindes Abreißen noch unkritisches Erhalten führen zum Ziel. Was zählt, ist eine fachlich begründete Bewertung, die alle Beteiligten — Eigentümer, Bauamt, Denkmalpflege, Fachplaner — auf eine gemeinsame Entscheidungsgrundlage bringt.

Wer die vollständige Projektdokumentation lesen möchte:

Zum Projektbericht: Gründerzeit-Altbau in Berlin-Lichtenberg


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